Tag 20: Goodbye Peking, hello London
Bei internationalen Sportveranstaltungen rücken die Nationen enger zusammen. Das gilt auch für den Rückflug, besonders in der Economy Class. Mathias Mester hat die Frankfurter Rundschau gerade mit dem Satz zitiert, er habe keine Probleme mit der Beinfreiheit gehabt. Sieht so aus, als habe die gute Laune die Sport- und Medienszene gleichermaßen erfasst. Dass unser Flug im Unterschied zu dem drei Stunden später (siehe News vom 19. September) den großen Vorteil haben sollte, planmäßig sein Ziel zu erreichen, wussten wir natürlich nicht, als wir auf den Gängen im Jumbo standen und uns die Beine vertraten. Zum Glück war auch die Crew in Paralympics-Stimmung: Stewardessen sammelten Autogramme von Medaillengewinnern, der Pilot verabschiedete sich mit den besten Wünschen für die Vorbereitung auf London 2012.
Ein netter und kurzweiliger 10-Stunden-Flug, in dem zur Hälfte Chinesen, außerdem Sportler aus Deutschland, Kroatien, Polen und weiteren Ländern sowie ein Teil des Otto Bock Teams an Bord waren. Genau ist das nicht zu sagen, denn die Passagierin im Dress von Kanada kam mir jedenfalls recht österreichisch vor. Was spielt das schon für eine Rolle? Ein Stück weit war dies die Fortsetzung der Abschluss-Zeremonie im Vogelnest, denn auch dort tummelten sich am Ende die Athleten aus aller Welt als ein denkbar buntes Bild im Innenraum des Stadions, in dem Paralympics-Geschichte geschrieben wurde.
Die Abschluss-Zeremonie ist in so vielen Ländern im Fernsehen übertragen worden, in Deutschland als Zusammenfassung in die Sendezeiten mit höherer Einschaltquote verlegt, dass ich sie hier nicht weiter beschreiben muss. Vielleicht ist interessanter, was am Rande so gesprochen wird und heute in manchen Tageszeitungen steht. Tenor: "London wird sich strecken müssen, wenn es diese Peking-Events toppen will."
Wahrscheinlich ist das in erster Linie als verdientes Kompliment Richtung China gemeint. IPC-Präsident Sir Philip Craven hat seinen Dank zur hellen Freude der Zuschauer auf Chinesisch eingeleitet und der Reihe nach an die Austragungsorte Hongkong, Qingdao und Peking gerichtet, um mit einem "Thank you China" zu enden. Aber der Sinn der besten Spiele aller Zeiten kann ja nicht darin bestehen, nun an der Zukunft zu zweifeln, oder? London hat sich bei der Abschluss-Zeremonie acht Minuten lang präsentieren dürfen. Sehr viel länger hat das Organisationskomitee der Briten hinter den Kulissen während der Paralympics nützliche Informationen sammeln können, übrigens in enger Zusammenarbeit zum Beispiel mit der Leitung im Sportlerdorf. Genauso waren die Chinesen in Athen präsent, um aus konkreter Anschauung heraus Fehler von vornherein zu vermeiden. Die Paralympics haben ein neues Niveau erreicht und ein bisher ungekanntes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit weltweit erzielt. Das kann die Engländer bei ihren Planungen doch nur freuen und nicht erschrecken. Die vielen Hundert Darsteller, die sich als Abbild eines riesigen Briefcouverts formierten, hatten eine gute Nachricht zu verschicken. Ein großes Symbol dieser Nachricht ist die paralympische Flamme, die diesmal von Pekings Bürgermeister Guo Jinlong an Sir Craven und von dem an Londons Bürgermeister Boris Johnson weitergereicht wurde.



Vermutlich wird dieser Beitrag mit Teil 2 der Geschichte von Lassane Gasbeogo enden. Ein guter Schluss der Serie, finde ich. Es ist jetzt Aufbruchstimmung allerorten. Soeben hat Zhen Xiaozhen vom Organisationskomitee BOCOG die Dokumente unterzeichnet, in denen festgehalten ist, welche Materialien an Athleten abgegeben wurden und welche jetzt BOCOG zur weiteren Verwendung zur Verfügung stehen. Damit ist die Werkstatt praktisch geschlossen.
Teil 2 geht nun so los, dass die Franzosen ihm halfen und für das Rennen eines ihrer Handbikes zur Verfügung stellten. Dieses wiederum haben auch die Sportler aus den USA mitverfolgt und eine tolle Idee entwickelt. Sie werden in den USA Sportgeräte und Zubehör sammeln. US-Coach James Lehman und der Mechaniker Chad Contreras waren heute in der Otto Bock Werkstatt, um sich mit der Delegation aus Burkina Faso zu treffen, der ein einziger Athlet angehört, eben Lassane Gasbeogo. "Seine Familie ist unheimlich stolz auf ihn und hat ihm schon per E-Mail gratuliert", sagt die Chefin der Mission, Annick Lydie Pikbougoum. In Burkina Faso arbeitet sie als Direktorin für Leistungssport im staatlichen Sportministerium und sieht gute Chancen, dass die Einfuhr der Sportgeräte-Spende problemlos abgewickelt werden kann. Versendet wird das Material mit Unterstützung durch, Ehrensache, Otto Bock.
Die Weitsprung-Entscheidung heute Morgen im Vogelnest haben sich unsere Prothetik-Spezialisten besonders aufmerksam angesehen. Ich natürlich auch. Das Teilnehmerfeld war schließlich ein "Who is Who" der jüngeren paralympischen Weitsprung-Geschichte. Roberto la Barbera und Stefano Lippi aus Italien, Jeff Skiba (USA), die beiden deutschen Wojtek Czyz und Heinrich Popow, der Brasilianer Oliviera und so weiter und so fort. Außerdem hatte rund die Hälfte der Starter ihre Carbon-Federn vorher in der Otto Bock Werkstatt optimieren lassen, einige ganze zwei Tage vor diesem Finale. Der Schweizer Urs Kolly ließ sogar mehrere Prothesen individuell anpassen, wegen der guten Erfahrungen mit einer neuen Einstellung am Knie seiner Sprung-Prothese. Wäre schön, wenn ihn das dazu veranlasst, auch 2012 in London noch einmal mitzumachen.
Aus den Katakomben gelangt man mit einem Fahrstuhl in die Zuschauer-Ebenen, sechs an der Zahl. Die Sicherheits- und Servicekräfte zeigen Präsenz, verhalten sich aber dezent und freundlich. Ohne Diskussion lassen sie mich in die erste Reihe durch, in der ansonsten die Trainer der Weitspringer und Athleten sitzen. Und siehe da, unsere Orthopädietechniker haben dort ebenfalls bereits Posten bezogen. Diese unmittelbare Nähe zum Geschehen hat was, vielleicht zehn Meter von der Weitsprunggrube entfernt.
Was bleibt eigentlich von den Paralympics in Peking zurück? Zum Beispiel: behindertengerechte Taxis. Xiu Guiqing fährt eines davon. Sie erinnern im Aussehen nicht zufällig an britisches Taxi-Design und wurden in einer ostchinesischen Taxi-Fabrik für Behinderten-Transporte umgebaut. Diese Fahrzeuge der Marke Austin bereichern das Verkehrsgeschehen in Peking. Nicht nur, weil nunmehr auch Rollstuhlfahrer bequem im Taxi unterwegs sein können. Obendrein sind dies die einzigen Taxis, die man hier per Telefon bestellen kann. Der Fahrpreis ist identisch mit dem anderer Taxis. Während der Paralympics wird die Anfahrt nicht berechnet, sagt Xiu Guiqing.
Die Behindertenbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, hat bei ihrem Besuch vor etwa einer Stunde Werkstatt-Atmosphäre geschnuppert. Bevor sie sich auf dem Unterschriften-Board verewigte, hat sie etwas gesagt, dem wir hier natürlich nur uneingeschränkt zustimmen können: "Wenn es so etwas nicht gäbe, müsste es erfunden werden."
Soeben hat Mindy Tan das Dorf wieder verlassen. Sie recherchiert und fotografiert für The New Paper in Singapur. Und wie! Das ist wirklich Sport, mit höchsten Ansprüchen an die Gelenkigkeit. Das Foto gibt hier nur einen kleinen Einblick. Natalie Simanowski hat dazu etwas Interessantes gesagt, nämlich dass auch die Medienvertreter bei diesen Paralympics viel mehr gefordert sind als früher. "Die rödeln ganz schön 'rum." Sie sind nicht wesentlich viel mehr als in Athen 2004, aber die Zeitungen in der meist fernen Heimat brauchen spürbar mehr Stoff. Der kommt dann auch bei den Athleten hier in Peking in diesen Internet-Zeiten in kürzester Zeit an. "Enorm, was da in den Medien los ist", sagt Natalie mit Hinweis auf die Zeitungsausschnitte am Pin-Board in der Unterkunft der Deutschen. Jede Menge Berichte über den Weg zu Natalies beiden Silbermedaillen gehören dazu.
Eigentlich wird es um diese Zeit vor der Werkstatt ruhiger. Nun ist aber noch jemand vorbei gekommen, auf den wir uns alle ganz besonders gefreut haben, auch wenn er erst für morgen angekündigt war: Baatarjav Dambadondog, der erste paralympische Goldmedaillen-Gewinner der Mongolei, wie wir eben von seinem Coach erfuhren. Und das mit seiner neuen Unterschenkel-Prothese. "Thank you, Otto Bock", hat er gesagt. Ich vermute, er hat das extra geübt. Denn ansonsten spricht er kein Englisch.
Das verspricht dann eine ordentliche Einschaltquote, denn wenn das Endspiel zwischen USA und Deutschland beginnt, ist in den USA Frühstücks-TV-Zeit und in Deutschland nationale Kaffeepause befohlen, hoffen wir hier jedenfalls mit unseren Medaillen-Girls. Das Schlussviertel in einem lange, lange Zeit sehr haarigen Halbfinalspiel gegen Japan führte noch zu dem hohen 60:40-Ergebnis. Ich bitte um Verständnis dafür, dass wir auch als Mitarbeiter eines international tätigen Unternehmens nicht völlig unparteiisch bleiben konnten und dieses ehrlicherweise fotografisch dokumentiert haben.
Die Begegnung zwischen Deutschland und den Niederlanden ist gestern wie versprochen doch noch klar zugunsten von Simone & Co. entschieden worden, glatter 43:28-Sieg und Einzug ins Halbfinale gegen Japan. In einer weiteren Begegnung ohne Körbe standen sich heute die Vertretungen von Japan und der Schweiz gegenüber. Oder besser nebeneinander. Keiichi Tsukishiro und Walter Grubenmann. Walter meinte, er habe Heimweh. Daraufhin hat ihm, bitte in der Kurve festhalten, Keiichi etwas vorgejodelt. Göttlich. Und Walter meinte, jetzt gehe es ihm wieder gut. Ob Keiichi weiß, dass ihm dieser Jodelerfolg an den noch folgenden Abenden ganz schön Stress bereiten wird? Jeder wird von ihm bejodelt werden wollen. Auch wir Niedersachsen, die dem Jodeln sonst mit einer gewissen Distanz gegenüberstehen. Zu Walter noch: Das Video von seinem C-Leg-Trip auf der Chinesischen Mauer folgt. Heute aber noch nicht, denn ausgerechnet die Filmer sind in den entfernteren Sportstätten im Einsatz. Und, da gibt es hier überhaupt keine Diskussionen: Job geht vor!
Also zurück zum Thema Medien. Der China-Korrespondent der Welt, Johnny Ehrling, hat, nachdem wir uns im Vogelnest getroffen haben, in der Werkstatt recherchiert und konnte mit seiner 10-jährigen China-Erfahrung viel Spannendes über Land und Leute schildern. Stephen McDonell von der Australien Broadcasting Corporation (ABC) hat heute hier mit seinem Team gedreht und zwischendurch war auch Radio China da. Dabei wurde ganz nebenbei auch das Vorurteil widerlegt, man könne Chinesisch nicht lernen. Sowohl Johnny Ehrling als auch Stephen McDonell sprechen es fließend. Die Reporterin von Radio China selbstverständlich auch.
Mein persönlicher Ergebnisdienst hat mir eben die 8:4-Führung der Niederländerinnen gegen unsere deutschen Basketballdamen durchgegeben und wir sind ein wenig besorgt. Der Bonus-Sieg gegen den Favoriten Australien in der Vorrunde, in dem die Mädels am Ende sehr nervenstark ein schwieriges Spiel gut über die Runden brachten, stimmt mich aber zuversichtlich, am Ende dieses Textes den Einzug ins Halbfinale gemeldet zu bekommen. Bis es so weit ist, bleibt sicher noch eine Stunde und wenn ich jetzt schnell bin, sehe ich vielleicht noch etwas vom letzten Viertel. Danach ist geplant, mal in der IPC-Lounge nachzusehen, was da eigentlich los ist.
Urs Kolly ist einer der erfahrensten und prominentesten Mehrkämpfer und war im Weitsprung der erste, der die Prothese als Sprungbein eingesetzt hat. Heute ist das die Regel. Urs sieht einem spannenden Finale in einem Feld mit unter anderem Weltrekordler Wojtek Czyz entgegen.
In einem Kreis von Orthopädietechnikern wird natürlich vorher gefragt, ob das C-Leg ausreichend aufgeladen ist. Im Alltag besteht ja einer der vielen Vorteile des mikroprozessor-gesteuerten Systems darin, bei Energieausfall aus Sicherheitsgründen so ungefähr wie ein Bremskniegelenk zu funktionieren. Genauer müssten das die Techniker erklären. Jedenfalls wäre es beim überhaupt nicht alltäglichen Wandern auf der Chinesischen Mauer recht fatal, auf die dynamischen Qualitäten des C-Leg verzichten zu müssen. Aber Walter ist halt nicht nur ein C-Leg-Fan, sondern auch ein Orthopädietechniker und hatte natürlich auf den Ladezustand geachtet.
Lars Gewel von ARD-online hat hier am Nachmittag eine ungewöhnlich ruhige Stunde in der Werkstatt miterlebt. Ganz interessant, wie ein Journalist, der die Paralympics zum ersten Mal live erlebt, seine Erfahrungen schildert. Erinnert mich sehr an mein Debüt 2004 in Athen. Man spürt sehr schnell, dass diese Spiele eine besondere Atmosphäre haben. Man hat auch schnell eine Idee, woran das wohl liegen mag. Aber es macht einen großen Unterschied, an einer gerade entstehenden Vorstellung im Kopf herumzubasteln oder daraus einen Text zu zimmern, noch dazu einen öffentlich-rechtlichen. Oder einen Fernsehbeitrag, wie gestern das Team vom österreichischen Fernsehen, dem Gunter Schumann erzählte, warum wir alle überhaupt hier sind.
Gestern Abend, Vogelnest, 91.000 Zuschauer. Katrin Green, die in den USA lebt, gewinnt im 200m-Finale Gold für Deutschland und sagt, sie sei im Ziel regelrecht schockiert gewesen. Ihr Ziel war Platz 3. Als sie den auf halber Strecke erreicht hat, habe sie nichts mehr gesehen und sei nur noch gerannt. Sie ist die zweitbeste Zeit ihres Lebens gelaufen.
Zuerst jedoch muss ich natürlich Franziska vorstellen, 18, aus Berlin. Seit zwei Tagen arbeitet sie wie ich in dem Büro, dessen Tür relativ folgenlos die Aufschrift "Staff only" trägt, weshalb ich mich wieder mit dem Laptop auf die Terrasse verzogen habe. Franziska gehört zu den wenigen Menschen, denen der dauerhafte Aufenthalt für eine journalistische Arbeit im Sportlerdorf ausdrücklich gestattet ist. Denn sie schreibt für die Paralympics-Zeitung, die in Betreuung durch den Berliner Tagesspiegel während der Paralympics vier Mal entsteht. Eines der ersten Exemplare hat sie persönlich hier in der Werkstatt an Bundespräsident Horst Köhler übergeben.
Darüber möchte man fast die Frage nach den Klingeltönen vergessen. Die Musik, die Franziska auf ihrem Handy eingestellt hat, gefällt im Übrigen auch meinem neuen Freund Mamy. Mamy ist der medizinische Betreuer des einzigen Paralympics-Teilnehmers von Madagaskar, Josefa Harijaona, nationaler Meister im 50m-Schwimmen, seit heute Träger einer modernen Prothese, die sein altes Alu-Leder-Modell ersetzt.
Die 18-fache Deutsche Meisterin hat bei Welt- und Europameisterschaften mehr als 20 weitere Medaillen gewonnen. Dreimal wurde ihr das Silberne Lorbeerblatt als höchste deutsche Sportauszeichnung verliehen. 1992 Sportlerin des Jahres in Freiburg, im Zeitraum 1996 bis 2000 vier Mal Badens Sportlerin des Jahres, 2004 Preis für Toleranz und Fairplay, verliehen vom Bundesinnenminister und bei der Paralympics Night durch Rose Mittermaier-Neureuther überreicht.
Gibt es jemanden, der sich nicht an Li Yue erinnert? Elfjährige Ballett-Tänzerin, Erdbebenopfer aus Sichuan, seitdem linksseitig beinamputiert? In China gilt sie längst als Heldin. Jetzt ist sie der Welt bekannt und zu einem Mädchen geworden, das dem Schicksal von Tausenden von Kindern einen Namen gibt. Die vergessliche Welt braucht solche Menschen, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die fabelhafte Eröffnungszeremonie im Vogelnest war reich an Höhepunkten, aber das Mädchen im Rollstuhl lässt sich als dramaturgischer Mittelpunkt verstehen, um den sich die gesamte Choreographie gedreht hat.
Was sagen die Athleten zu dieser Eröffnungsfeier? Caj Jinfen an der Rezeption der Werkstatt hat mit denen gesprochen, die heute mit Reparaturaufträgen kamen, vom Russen Alexey Ashapatov über den Briten Keiron Murphy bis zu Dorn Shaziri aus Israel. Tenor: Eine fantastische Eröffnungsfeier. Was mir besonders gefallen hat: Das Feuerwerk zum Finale war prächtig und ein imposanter Schlussakkord, aber es hörte auch zum richtigen Zeitpunkt auf, um glanzvolle Gala zu bleiben statt Spektakel zu werden.
Ein Athlet aus Madagaskar war gerade mit einer Konstruktion aus Aluminium und Leder zu ihm gekommen, die ein wenig nach Ritterrüstung und entsprechend niedriger Mobilität aussah. Der Sportler hatte eigentlich nur das lockere Fußteil befestigen lassen wollen. Cameron sah darin wenig Aussicht auf Erfolg und bot ihm an, er würde ihm eine neue Prothese bauen. Nein, nein, das könne er sich nicht leisten, meinte der Afrikaner - und war entsprechend glücklich zu erfahren, dass für ihn dieser Service nichts kosten wird.
Die zahllosen freiwilligen jugendlichen Helfer bei diesen Paralympics scheinen ähnlich unverwüstlich zu sein. Die beherrschen aber auch einen Trick: Sie schlafen. Wahrscheinlich auch nachts. Aber ebenso am Tag. Man sieht in den ruhigen Ecken, von denen es hier viele gibt, immer wieder Volunteers beim Schlafen. Sie schlafen im Liegen auf Bänken. Sie schlafen aber auch im Sitzen und das vornehmlich in ihrer Kantine. Die beiden favorisierten Techniken beim Tischschlafen zeigt auf den Fotos Caj Jinfen, die sich freundlicherweise bereit erklärt hat, die allgemeine und die fortgeschrittene Version während ihrer Mittagspause vorzustellen: Entweder wird ein Oberarm auf dem Tisch ausgestreckt und der Kopf darauf abgelegt. Oder, für Fortgeschrittene, die Stirn auf die Tischplatte gelegt, rechte und linke Hand dienen als Lichtschutz. Auf diese Weise schlafen die Helfer tief und fest, aber kurz.
Heute Mittag hat sich ein Küchenjunge zu den Tisch-Schläfern in der Kantine gesellt. Als ich mich gerade gefragt habe, ob er wohl Ärger bekommt, wenn ihn der Küchenchef so sieht, ist er aufgewacht und strammen Schrittes wieder in die Küche marschiert. Ob ich zu laut über sein Karriererisiko nachgedacht habe? Peter Franzel aus dem Organisationsteam der Werkstatt hat mir erzählt, dass einer unserer Fahrer einen 15-minütigen Aufenthalt vor der EU-Botschaft prompt für ein Nickerchen auf dem Lenkrad genutzt habe. Anhalten, Leute aussteigen lassen, Kopfabsenken - alles eine fließende Bewegung.
Das hat sich, wie so vieles, nach Feierabend beim Plaudern herausgestellt. Top-Thema ist auch, welche Abenteuer täglich Ingolf Hentsch und Robert Laermann als Fahrradfahrer in Peking bestehen. Und das knüpft irgendwie ganz gut an den gestrigen Beitrag über Taxi-Fahren in dieser Stadt an. Ingolf hat einfach nicht widerstehen können, als er im Fenster eines Fahrradladens den Preis von umgerechnet 25 Euro gelesen hat. Eigentlich wollte er nur mal sehen, was man dafür wohl für ein Gefährt bekommt. 20 Minuten später saß er im Sattel auf Pekings turbulenten Straßen. Gut, ein Pedal hat er dann bei der ersten Tour verloren. Aber die wurde anstandslos im Fahrradladen repariert. Man kann fest davon ausgehen, dass die Orthopädietechniker aus der Otto Bock Werkstatt alle in der Lage sind, selbst ein Fahrradpedal wieder zu befestigen. Aber ohne Werkzeug und mitten in der Stadt? Außerdem darf man sich nach Schichtende ja auch mal selbst vom Service anderer verwöhnen lassen.
In Begleitung von Hong Geng, eine perfekt Deutsch und Chinesisch sprechende Vietnamesin aus dem Otto Bock-Team, war Teil 1 der Tour natürlich ein Kinderspiel.
Seit 30 Minuten bin ich im Besitz von Reisestäbchen aus Edelmetall. Reisestäbchen sind gut für den kleinen Hunger zwischendurch, wenn man nicht mit den Fingern essen mag. Die Einzelteile werden einfach zusammengeschraubt, fertig ist das Essbesteck. Absolut selbsterklärend, eine intelligente Lösung.
Das erste Wort, das einem Chinesen beizubringen versuchen, ist "Ni hao". Nein, nicht "Nihao" wie Dachsbau, sondern getrennt gesprochen "Ni hao", ungefähr wie in einer etwas übertriebenen Frage-Betonung von "Wie genau?". Das "h" liegt in der Tonhöhe unterhalb des "Ni". Dafür das "ao" höher. Streng genommen steckt auch schon in dem "Ni" eine leicht aufsteigende Linie. Für Europäer ist es sehr schwer zu verinnerlichen, dass die korrekte Betonung über die Bedeutung der Worte mitentscheidet. Um der korrekten Aussprache dann noch etwas näher zu kommen, bringe man die Sätze möglichst etwas nasal über die Zunge.
Die erste sportliche Entscheidung ist sechs Tage vor der Eröffnung der Paralympics im Gabelstapler-Schieben gefallen. Gabelstapler-Schieben entwickelt sich bekanntlich zur neuen Trendsportart. Erst kürzlich, beim Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt, ist die Saison eröffnet worden. Auch dort rührte sich der festgefahrene Gabelstapler zunächst nicht mehr von der Stelle. Den Mannschafts-Wettbewerb im Gabelstapler-Schieben in Peking gewann eine chinesische Auswahl mit technischer Unterstützung durch einen Lastwagen. Der Einsatz dieses Hilfsmittels wurde allseits als erlaubt betrachtet, denn schließlich galt er einem guten Zweck: Endlich sind die letzten Kisten und Kasten für die Fertigstellung der Werkstatt-Einrichtung an ihrem Bestimmungsplatz im Sportlerdorf eingetroffen.
